In der Zeit vom 21. bis 28. März 2010 wurden im Offenbacher Ausbildungszentrum des Arbeiter-Samariter-Bundes Regionalverband Mittelhessen 24 Ärzte zu Notärzten weitergebildet. Wer in Deutschland als Notarzt tätig sein will, muss zusätzlich zu seiner ärztlichen Ausbildung diesen 80-stündigen Kurs in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung, sowie unter Anleitung eines verantwortlichen Notarztes 50 Einsätze abarbeiten.
Da das Rettungsdienstgesetz Ländersache ist, werden die Inhalte dieser Musterweiterbildungsordnung von den unterschiedlichen Landesärztekammern durchaus unterschiedlich umgesetzt. Anders als in Frankreich ist damit der Notarzt kein Facharzt für Notfallmedizin. Dort müssen Ärzte nach ihrer Facharztweiterbildung eine zweijährige notärztliche Ausbildung absolvieren.
Oft wird der Notarzt mit dem (Kassen)-Ärztlichen Notdienst verwechselt. Dieser gehört jedoch nicht zum Rettungsdienst, sondern stellt die allgemeinmedizinische Versorgung der Bevölkerung außerhalb der üblichen Öffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte sicher. Ein dort tätiger Arzt hat nicht zwingend notfallmedizinische Erfahrung. Wer also am Wochenende beispielsweise unter unerträglichen Ohrenschmerzen leidet und ein Antibiotikum benötigt, der geht zum Ärztlichen Notdienst. Bei wem hingegen der Verdacht auf einen Herzinfarkt besteht, ruft den Notarzt über die Rettungsleitstelle unter der Nummer 112 herbei. Das Wissen um diese Unterschiede kann lebensrettend sein!
Bei der in Offenbach angebotenen Weiterbildung besteht die Besonderheit, dass die Teilnehmerzahl auf eine Höchstzahl von 30 Leuten begrenzt ist. Die Erfahrungen aus zehn Jahren Notarztausbildung haben gezeigt, dass gerade in kleinen Gruppen wesentlich besser auf die Auszubildenden eingegangen werden kann und so der Lernerfolg größer ist als bei Massenveranstaltungen von über 200 Teilnehmern. Bei Befragungen der Absolventen nach dem Sicherheitsgefühl in den ersten eigenverantwortlichen Einsätzen, gaben diese an, dass sie von dem Kleingruppen-orientierten Lernen sehr profitiert hätten, so der Geschäftsführer des ASB Regionalverbandes Mittelhessen, Holger Weiß.
Großen Wert legt man in der Offenbacher Notarztausbildung auf die Teamarbeit. So ist der Notarzt nie alleine am Notfallort, sondern hat grundsätzlich rettungsdienstliches Fachpersonal wie Rettungsassistenten und Rettungssanitäter um sich. Es ist nie der Notarzt alleine, der dem Patienten das Leben rettet, sondern es ist grundsätzlich das Team. Die Ausbildung zum Rettungsassistenten ist eine staatliche Berufsausbildung mit abschließendem Staatsexamen. Der Rettungssanitäter ist keine Berufsausbildung, sondern ein Kurzlehrgang, der den Anwärter befähigt, als Helfer des Rettungsassistenten tätig zu werden. So werden neben vielen ärztlichen Referenten auch Rettungsassistenten als Ausbilder in diesem Kurs eingesetzt, da deren breite rettungsdienstliche Erfahrung und praktische Umsetzung von Fähigkeiten unverzichtbarer Bestandteil eines solchen Kursangebotes ist.
Der unbestrittene Höhepunkt dieser Kurse in Offenbach ist die Sichtungsübung, bei welcher ein sehr schwerer Verkehrsunfall mit vielen Schwerstverletzten und Toten simuliert wird. Die Mimen werden von Stephan Danisch und seinem Team sehr realistisch und eindrucksvoll geschminkt und in der Unfallszene verteilt. Besonders gefreut haben sich die Kollegen, die schon seit der ersten Übung vor zehn Jahren dabei sind, dass auch wieder die Großmutter von Danisch, Frau Christa Schreck (72), als Mimin zur Verfügung stand und ihren 19. Herzinfarkt sehr gekonnt simulierte. Die angehenden Notärzte wissen nicht, was auf sie zukommt und ihre einzige Aufgabe besteht darin, herauszufinden, wie viele Personen überhaupt betroffen sind und diese dann in sogenannte Triagegruppen einzuteilen. Was sich einfach anhört, ist jedoch nicht unbedingt einfach: Viele der Teilnehmer waren mit der täuschend echt nachgespielten Situation überfordert und haben in dem Chaos, wie es für solche Einsatzstellen typisch ist, den ein oder anderen „Patienten" nicht gefunden. In einer Nachbesprechung wurde den Medizinern das taktisch richtige Vorgehen noch einmal nahe gebracht.
Natürlich wird bei solch einem Massenanfall von Verletzten auch entsprechend Personal benötigt und so unterstützten diese realistische Übung die Freiwillige Feuerwehr Bieber, das Technische Hilfswerk, das Deutsche Rote Kreuz, die Kollegen der Polizeihubschrauberstaffel Egelsbach und viele Mimen mit beachtlichem schauspielerischen Talent. Dirk Siebert und Rainer Marian von der Berufsfeuerwehr Offenbach demonstrierten mit großem Fachwissen die Rettungsmöglichkeiten der Drehleiter und vermittelten das Gefühl, wie es ist im Korb der Drehleiter auf 30 Meter zu fahren. Manch einer bekam bei dieser Erfahrung weiche Knie und gab an, dass er später im realen Einsatzgeschehen lieber den Rettungsassistenten beauftragen werde, in den Korb zu steigen, um den Patienten medizinisch betreut aus einem oberen Stockwerk nach unten zu verbringen.



Offenbach
